
King Solomon, Brown, Paternos, Auswell und Gift, das sind nur einige der Namen, denen wir in Malawi begegnen. Wir verbrachten ein langes Wochenende in Blantyre, wo wir den Mosambik-Reisebericht geschrieben haben, und nutzten die Gelegenheit noch für ein paar Wartungsarbeiten am Auto. Bevor wir jedoch das 'Juwel' des Landes, den rund 500km langen und 50 km breiten Malawi-See, besuchten machten wir noch eine kleine Schleife durch den südlichen Teil des Landes.
Schnell merkten wir, dass das Land sehr fruchtbar ist und sehr viele Menschen ernährt. Es gab eigentlich keine Stelle im Land, an der man nicht irgendwelche Behausungen sah. Und die Leute sind sehr freundlich. Wo man auch stehen bleibt kommt jemand an und will einen Plausch halten. Sehr schön, außer man möchte mal ungestört sein, z.B morgens früh, oder wenn die Natur ruft oder einfach mal auf eine Kaffeepause. So quartierten wir uns dann doch lieber in- oder besser gesagt an - Guesthouses ein. Immer wieder die gleichen Dialoge, wo man her kommt, dass wir duch Afrika reisen, dass es hier wunderschön ist und die Menschen so nett und dass wir keine Schuhe und auch kein Geld abgeben möchten, sind auf die Dauer doch etwas anstrengend.Landschaftlich hat sich uns der Reiz des Landes die ganze Zeit über nicht so ganz erschlossen, weil es immer etwas diesig war und die Sicht bei weitem nicht den Bildern im Reiseführer entsprach. So mußten wir uns oft die Berge oder den blauen Malawi-See in der Ferne vorstellen statt dies wirklich zu sehen. Und von diesen beiden Landschaften ist das Land geprägt. Abgesehen von dem Abfluß des Sees, der im Süden mit dem Shire-Fluß in den Sambesi entwässert liegt das kleine Land entlang des westlichen Seeufers, und damit dem ostafrikanischen Grabenbruch. Entlang des Sees zieht sich eine Ebene, die im südlichen Teil vielleicht 30km breit ist und im Norden verschwindet; dort reichen die Ausläufer der Berge, die rund 5-700 über der Höhe des Sees liegen, bis an diesen hinan.
Wir sparten das touristische Zentrum des Landes, Cape McLear, aus und fuhren entlang der Grenze zu Mosambik durch die schöne hügelige Landschaft in nördlicher Richtung. Plötzlich sahen wir aus dem Augenwinkel eine Gestalt am Straßenrand. Bekleidet nur mit einem Lendenschurz, weiß angemalt und mit irgendwas auf dem Kopf. Wir dachten an einen Verrückten oder einen heiligen Mann, wie einen Sadhu aus Indien, ließen es aber auf sich beruhen. Erst als wir noch andere Gestalten mit riesigen Masken auf einem Pick-up sahen drehten wir um und befragten die Insassen. Es gäbe eine Zeremonie, ein neuer Dorfchef fürde sein Amt übernehmen, und ob wir Lust hätten, dabeizusein. Klar, hatten wir. So folgten wir dem anderen Wagen von einer Holperpiste zur anderen bis wir schließlich ein kleines Dorf erreichten. Zuerst wurden wir den Honoratioren vorgestellt, die Häuptlingselite der ganzen Gegend war mit Beratern und Konsorten vertreten. In einem kleinen Raum waren die Männer versammelt, Frauen traten nur ein, um mit gesenktem Blick und einem Knicks etwas zu Essen zu bringen. Wir erfuhren, daß das Häuptlingsamt von Generation zu Generation weitergegeben wird und der Chef bereits zu Lebzeiten einen seiner männlichen Verwandten als Nachfolger bestimmen kann, so wie es hier der Fall war. Es war also kein Begräbnis und auch keine religiöse Zeremonie sondern einfach nur ein Fest mit fröhlichem Charakter. Aus der Umgebung waren in paar Trommler und Tänzer engagiert worden, die zwischen den Ansprachen für Stimmung sorgten.
Nachdem erst einige Frauen aus dem Dorf ein paar Lieder gesungen hatten traten nach und nach die Tänzer auf. Manche der Tänze und der Masken hatten bestimmte Bedeutungen, andere nicht. In allen Fällen ging es darum, dem neuen Chef Weisheit in seinen Entsheidungen und Kraft zu geben. Dazu gingen ein paar Helfer durch die Reihen und sammelten etas Geld von den Zuschauern ein. Manchmal, bei bestimmten Aktionen der Tänzer traten auch immer wieder Leute aus den Zuschauern hervor und drückten dem Tänzer, oder auch den Trommlern, etwas Geld in die Hand. Nach einiger Zeit wurde endlich der neue Chef und sein Berater zusammen mit den jeweiligen Ehefrauen in die Mitte geführt, die hatten alle den Kopf verhüllt und erst als sie sich vor der Ehrentribüne hingesetzt hatten wurden die Tücher abgenommen und alle durften die neuen Ehrenträger sehen. Anschließend durfte jeder der Ehrengäste eine Rede halten, in der er sich und die geehrten in gutem Licht ersrahlen ließ. Das dauerte eine ganze Weile, denn - Politiker sind wohl auf der ganzen Welt gleich - jeder schien sich selbst gerne Reden zu hören. Interessant fanden wir, daß während der Rede für den Redner gesammelt wurde, vielleicht nahmen ja auch deswegen die Reden kein Ende. Anschließend wurden mit großem Bohei die Geschenke der fremden Besucher überreicht, nur gut dass wir uns mit ein paar Fläschchen kölnisch Wasser und einem Multi-Werkzeug nicht allzu kleinlich gezeigt hatten. Danach begann das Defilee, bei dem jeder seine Glückwünsche aussprechen und je nach seinen Möglichkeiten etwas für den Chef spenden konnte. Der allerdings zeigte sich später bei den Spenden, die für uns nicht ganz nachvollziehbar wiederum an andere gegeben wurden, auch nicht kniestig. Das war als die professionelleren Tänzer auftraten, wobei man sich da nicht irgendwelche tollen Choreographien vorstellen darf, sondern bei Licht betrachtet eher ein - je wilder desto besser - Herumgehüpfe mit ein paar eingeübten Abschnitten. Die show waren eigentlich die Verkleidungen und der traditionelle Hintergrund mit der Bedeutung des Tanzes an Sich.
Am frühen Abend war der Spaß vorbei, bei dem übrigens praktsch kein Alkohol floß, und wir setzten die Reise in Richtung Norden fort. Schließlich gelangten wir dann an den See, wo wir uns wunderten, warum das viele Süßwasser nicht besser genutzt wird. Um allzu aufdringlichen Kindern keine Chance zu geben zogen wir uns in eines der entlang des Sees häufig vorzufindenen Resorts in südafrikanisher Hand zurück - mit dem Effekt, dass die Kinder von hinter dem Zaun aus lautstark versuchten, auf sich aufmerksam zu machen. Wir waren die einzigen Gäste, ein Fischer verkaufte uns einen riesigen Campango-Fisch, den der Koch uns gegen eine kleine service-charge zubereitete und von dem wir zwei Tage lang ordentlich essen konnten.
Schwimmen gehen mochten wir im See nicht, zu widersprüchlich sind die Aussagen über die Bilharziosegefahr, es war aber auch nicht so heiß, daß wir eine Abkühlung so dringend nötig gehabt hätten. Statt dessen sahen wir stundenlang den einheimischen Kindern zu, wie sie im Wasser plantschten. Genug vom Strand ging es wieder in die Berge (da war wieder so ein Konfluenzpunkt und eine Menge Leute, denen wir die Gelegenheit geben wollten, uns zu sehen - und um halb sechs zu wecken) und dann nochmal ans Wasser. Ein Ort weckte unser Interesse - Livingstonia. Nicht nur, dass dort in einem Museum ein Brief des berühmten Forschers zusammen mit anderen Dingen des damaligen Lebens ausgestellt sein sollte, außerdem gäbe es eine Kathedrale, eine Universität und die ganze Stadt solle wirken wie eine nicht fertiggestellte viktorianische Modellstadt. Durch die neue Asphaltstraße vom Durchgangsverkehr abgeschnitten liegt die Stadt einige hundert Meter hoch, aber in Sichweite, über dem See. Damals hatte man entschieden, die Missionsstation vom Seeufer in die malariafreien Berge zu verlegen. Und wenn eine Sraße in Afrika ein paar Jahre lang sich selbst überlassen wird kann sie ganz schnell zu einer Sonderprüfung für die Camel Trophy werden. So schlimm war es nicht, aber für die 15 Km mußten wir Allrad und Reduktion bemühen. Einen Japaner nahmen wir auch noch mit, der sich die Strecke mit Rucksack und noch ein paar extra Gepäckstücken zu Fuß vorgenommen hatte. Er wäre wahrscheinlich erst nach Einbruch der Dunkelheit oben angekommen, im Gegensatz du den bergziegengleichen Typen, die mit Kisten auf dem Kopf, genauso schnell wie wir entlang horrend steiler Abkürzungen den Anstieg quasi hinaufliefen. Aber auch ihnen ersparten wir die letzten Kilometer, wir konnten nicht mitansehen, wie wir sie an jeder Serpentine wieder trafen.Ja, und dann waren wir in Livingstonia. Das Museum existiert tatsächlich, ein Raum mit ein paar alten Möbelstücken und Fotos; und der Brief von Livingstone auch, allerdings nur als Fotokopie. Die große Kirche und die Universität (mit vielleicht 200 Studenten) auch, beides Ziegelgebäude in englischen Stil, außerdem ein Krankenhaut aus der Jahrhundertwende, alles wirkte mächtig fehlplatziert, denn außer dem gab es nichts. Verstreut einige heruntergekommene Wohngebäude, ebenfalls aus Ziegelsteinen, zwei 'Geschäfte', ein geschlossenes und ein geöffnetes Restarant, wo man uns für eine Cola wieder zum Geschäft schickte, und eine Bar. In der Tat - nicht fertiggestellt die "Stadt".
Zum Trost besuchten wir noch einen nahegelegenen Wasserfall wo wir eine schöne Tageswanderung machten. Wunderschön gelegen gibt es dort ein Camp/Lodge, in dem wir uns mal wieder davon überzeugen lassen mußten, dass die Dinge gut laufen, wenn sie in 'weißer Hand' sind. Ein schön angelegtes Öko-Camp mit sauberen Kompost-Toiletten und Gemüse aus dem eigenen Garten, dafür ohne fließendes Wasser und ohne Strom - und trotzdem ein bezahlbarer Genuß, sich dort aufzuhalten. Wir müssen uns - mittlerweile nach rund vierzigtausend Kilometern durch Afrika - leider immer wieder (und nicht nur in Malawi) fragen, warum Geschäfte aller Art, angefangen von jeglicher touristischer Infrastruktur bis hin zu irgendwelchen Einkaufsbuden, immer schmuddelig und heruntergekommen sind, wenn sie nicht von Ausländern geführt werden. Vielleicht können nur die die Bedürfnisse der Touristen richtig einschätzen. Aber das ist ja auch ein Problem jeder Entwicklungshilfe. Zwar gibt es viele Handpumpen im ganzen Land, die Hauptstraße ist sehr gut asphaltiert, aber ansonsten sieht man wenig Auswirkungen der Vielzahl an Projekten in diesem, einem der ärmsten Länder der Welt. Wir versuchen, unsere Wertevorstellungen auf die Einheimischen zu übertragen - arbeiten, Gewinn machen, um weniger arbeiten zu müssen oder besser noch, mehr arbeiten, um noch mehr Gewinn zu machen. Und das gehört definitiv nicht zur afrikanischen Kultur, die auf die Gegenwart und auf reine Selbstversorgung ausgerichtet ist.
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