
Der erste Eindruck ist schon mal sehr schön. Zwar wollte der Grenzbeamte eine Spende, aber die konnten wir ihm ausreden. Da unsere Wasservorräte sich dem Ende neigten waren wir froh, einen gemauerten Brunnen mit Handpumpe an der Straße zu entdecken. Das versprach sauberes Wasser, besser jedenfalls als das was wir in Bamako bekommen würden. Da der Platz so schön war und wir netten Kontakt zu den Leuten bekamen, die dort Wasser holten, blieben wir über Nacht und besuchten am nächsten Tag das naheliegende Dorf. Natürlich wurden wir erstmal zum Dorfchef geleitet, der dann auch gleich einen Schergen beauftragte, uns das ganze Dorf zu zeigen. Alles Lehmhütten mit Grasdächern und kleinen Vorratsspeichern, die auf Steinen gebaut sind. Wir dachte gar nicht, daß es so was noch gibt. Kein Wasser, kein Strom, nichts was auf das 21. Jahrhundert schließen lassen könnte, außer den Sonnenbrillen einiger Jugendlicher. Später dann wurden wir 'gebeten', im Dorf zu übernachten, Wenn der Chef um etwas bittet kann man das schlecht abschlagen, so wurden wir von ihm hoch zu Ross persönlich an den vorgesehenen Platz geleitet. Und natürlich waren wir den ganzen Abend über die große Sensation. Ohne Fernseher und sonstige Ablenkung waren wir wohl die Attraktion des Jahres. Immer wieder scheuchten Ältere die neugierigen Kinder weg, aber nur um selbst besser zuschauen zu können was die Fremden so machen und was für tolle Sachen sie im Auto haben. In der Hoffnung, dass sich im Laufe des Abends die Neugierde legen würde zogen wir uns irgendwann zurück, aber nach einiger Zeit fingen die vielen Augenpaare in der Dunkelheit doch an, uns zu stören. So fuhren wir dann doch wieder zurück an den Brunnen und genossen dort ungestört den Rest der Nacht.
Dann ging die Reise weiter nach Bamako, eine afrikanische Metropole. Wir ließen uns erst von Hinweisen im Reiseführer Bange machen: Bloß keine Fotos machen, sonst wird einem die Kamera weggerissen und nur gegen Bares wieder ausgehändigt, lieber vorher einen Polizisten bestechen, damit er eine Fotografiererlaubnis gibt. Übehaupt, Taschendiebe wo man auch geht und steht. Mag sein, daß so was hin und wieder vorgekommen ist, auch Taschendiebe gibt es überall wo viele Menschen sind; wir jedenfalls haben die Stadt in dieser Hinsicht wie jede andere erlebt und uns sehr sicher und wohl gefühlt. Auch Fotos konnten wir machen, ohne daß jemand Notiz von uns genommen hätte. Im Gegenteil, je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr freuen sich die Leute über ein Foto und wollen ins Bild. Toll ist, daß man mit den Digitalkameras das Foto gleich zeigen kann, das verursacht zwar einen Menschenauflauf, macht aber allen viel Spaß.
Weniger toll fanden wir die Luft in Bamako. Gegen Abend, wenn die Lichter angehen, fragt man sich, was das denn für ein Nebel ist, so daß man nicht mehr richtig sehen kann. Die Luft, also vielmehr die Abgase, stehen still, kein Lüftchen regt sich im Gewühl der Lastwagen, die schwarze Wolken ausstoßen und den Motorrädern, die blaue Wolken von sich geben. Da fallen die altersschwachen Taxi-Kleinbusse kaum noch auf, bei denen staunt man bloß immer wieder wie viele Leute reinpassen. Die offiziell als zulässig angegebene Anzahl an Fahrgästen ist für den Standard-ursprünglich-9-Sitzer mit 20 angegeben. Der Verkehr ist eine Katastrophe. Wir waren froh, weit draußen vor der Stadt in der Nähe des Flughafens einen Platz zum Schlafen zu finden, an dem man atmen konnte.
Am nächsten Tag konnten wir überraschend flott unsere Visas für Guinea und Burkina Faso organisieren, vor allem letzteres fanden wir klasse; damit wir nicht über's Wochenende warten müssen bekamen wir es noch schnell Freitag nachmittags ausgestellt. Das müßte einem mal in Deutschland passieren.![]()
So kamen wir nach einer Aktualisierung der Internet-Seite relativ früh wieder in Fahrt, um erstmal Guinea zu besuchen und dann wieder zurück nach Mali. Die Strecke nach Süden ist noch nicht fertig asphaltiert und auf den verbleibenden Abschnitten fiel mir die Sendung 'Was bin ich?' mit dem heiteren Beruferaten ein: "Machen Sie mal eine typische Handbewegung". Der Körper beugt sich vor, die äußere Hand greift nach vorne und macht eine kreisförmige Bewegung. Fenster rauf - Fenster runter. Fast wie beim Segeln gegen den Wind. Bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug wird gekurbelt was das Zeug hält. Aber schon nach ein paar Sekunden wird die Luft unerträglich, das Fenster muß wieder auf. Trotz aller Mühen ist nach kurzer Zeit alles mit Staub bedeckt. Was anfangs ein Spaß war - "Schau mal was wir für eine große Staubfahne machen" - setzt sich in alle Ecken, auf jeder Oberfläche und in jeder Schublade ab. Der Sand in Mauretanien war halb so wild; hier ist es feinster Staub, der durch die kleinste Ritze dringt. Um schon mal vorzugreifen: Es hat in Guinea nicht allzulange gedauert bis die Fensterkurbel ab war, aber wir wären nicht in Afrika wenn dafür nicht schnell Ersatz improvisiert werden könnte. Aber erst mal weiter nach Guinea
Zurück aus Guinea freuten wir uns auf Komfort und Einkaufsmöglichkeiten in Bamako. Wir bezogen ein gemütliches Quartier direkt am Niger und verbrachten ein paar Tage mit emails, einkaufen und erholen. Am Auto mußte auch noch eine Kleinigkeit gemacht werden und wir mussten noch auf das Visum für Nigeria warten, das wir wider Erwarten problemlos ausgestellt bekamen (es heißt, daß in ganz Westafrika keine Nigeria-Visa ausgestellt werden, sondern nur im Heimatland). So vergingen ein paar Tage wie im Fluge, bis wir uns wieder auf den Weg weiter Richtung Norden machten. Wir wollten Djenné mit der berühmten Lehmziegel-Moschee besuchen, außerdem das Land der Dogon und Timbuktu.
Der Besuch in Djenné war etwas besonderes. Nicht nur wegen der großen Moschee, sondern das Gesamtbild unseres Abstechers dorthin. Heutzutage ist die Attraktion der kleinen Stadt die Moschee, die (1907) als Abbild eines früheren Gebäudes aus dem 13. Jhdt. komplett aus Lehmziegeln gebaut wurde. Früher hatte die Stadt eine große Bedeutung als Handelsknotenpunkt und als kulturell-religiöses Zentrum des Islam, weswegen sie auch zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Ganz gewiss nämlich nicht wegen ihrer Schönheit. Zwar liegt Djenné malerisch am Bani, genau am Beginn des Niger-Binnendeltas und wirkt auch fotogen wenn Montags der Markt vor der wirklich sehenswerten Moschee stattfindet, aber wir waren zum falschen Zeitpunkt dort. Dienstag mittags nämlich, High Noon. Mangels Markt war das Bild etwas trostlos und außer uns (anfangs) kein Tourist da, und so stürzten sich die kleinen Jungs, die unser Auto bewachen wollten (weil es sonst ja jemand zerkratzen würde, aha!) alle auf uns. Die waren wir noch nicht ganz los, da kam schon der Schwung der Jugendlichen und wollte uns die Stadt zeigen. Nett gemeint, aber eigentlich wollten wir alleine bummeln, zumal als wir hörten was ein besonders anhänglicher Typ für eine Führung haben wollte. 10.000 CFA würden die offiziellen Führer bekommen, er aber würde uns einen Freundschaftspreis (dabei kannten wir ihn doch gar nicht) von 7.500 CFA machen, pro Nase versteht sich, also knapp 23 Euro! Aber dafür könnten wir (d.h. Teresa als Frau natürlich nicht) auch die Moschee von innen besichtigen und zweiter Stock wäre auch inklusive. Zweiter Stock? Das wissen nur die Eingeweihten. Die Eigentümer der anliegenden Gebäude lassen nämlich gegen einen kleinen Dispens die Touristen ein Foto von der Dachterrasse aus machen. Angesichts der überschaubaren Größe der Stadt und des durchschnittlichen Einkommens eines Facharbeiters von 50.000 CFA pro Monat fanden wir das Angebot des 'Guides' nicht gerade verlockend und boten ihm ebenso unverschämte 500 CFA (also nur knapp 1 Euro) - die er dann für uns überraschend nach einiger Diskussion akzeptierte.
Also liefen wir ihm die nächsten zwei Stunden hinterher, die Sonne im Zenit, überquerten dabei in den lehmigen Straßen immer wieder Pfützen und Bächlein mit intensiv riechendem undefinierbarem Inhalt, so daß der Spaziergang regelrecht zum Abenteuermarsch wurde. Wir sahen allerdings nichts was wir nicht auch ohne Führer gesehen hätten, aber wir wurden immerhin nicht weiter von den anderen behelligt. Der zweite Stock war der eines Hauses, das ein paar Hundert Meter von der Moschee entfernt war, aber sie war immerhin zu erkennen - und ganz zufällig gehörte das Haus einem Bekannten, der ganz zufällig handbedruckte Stoffe zu verkaufen hatte. Und dann kamen wir zufällig noch an einem Haus vorbei, in dem alte und neu-alte afrikanische Masken verkauft wurden, und dann - aber bevor wir das Haus mit den Schmuck erreicht hatten ließen wir es dann gut sein; wer weiß was wir sonst noch alles hätten kaufen dürfen. So gingen wir allein zurück zur Moschee, und ich besichtigte sie noch von innen, was auch ohne Guide und ohne Eintritt möglich war.
Interessant war allerdings die Erklärung für die stabilen Türen an den Häusern der reichen Araber. Da die weibliche Nachkommenschaft mit ihrer helleren Haut (und der Mitgift) bei den Jungens sehr beliebt war installierte der Hausherr eine Falltür, die sich schloß nachdem der Brauträuber in spe mit seinem Eselskarren mit Volldampf in den Eingang gefahren, der Arme auf diese Weise dann gefangen und der Strafe des doch-nicht-Brautvaters ausgeliefert war. Der anschließende kurze Besuch in Mopti gefiel uns da schon besser, die Sonne ließ den Schmutz, der hier nicht anders war als anderswo, golden im Nachmittagslicht schimmern und da wir nur eine Runde mit dem Auto machten, konnten wir auch nicht so genau hinschauen.Die nächsten Tage verbrachten wir dann im Gebiet der Dogon, einem Stamm, der es fast geschafft hat, Traditionen und Werte bis in die heutige Zeit zu retten. Sie leben in kleinen Dörfern in einer Falaise, einem Felsabbuch von rund 250m Höhe und 140km Länge. Die traditionellen Dörfer sind mitten in den Felsen, erst die neuen Dörfer wurden im Zuge der Islamisierung am Fuße der Felsen oder weiter draußen in der Ebene gegründet. Da ein Besuch dieser Region das absolute touristische Highlight Malis ist, fehlen heutzutage weder die für die Touristen inszenierten Maskentänze noch die Kinder, die bereits mit 3 Jahren ihr erstes französisches Wort lernen: "donnemoi". Gib mir - das Hemd, das Du gerade anhast, sonst auch gerne ein anderes, Schuhe, Mütze, Stift, Bonbons natürlich, oder was auch sonst ins Blickfeld der lieben Kleinen kommt. Das hat etwas genervt, so daß wir darauf verzichteten, die vermeintlich authentischsten Dörfer von nahem zu besichtigen, sondern uns mit einem Ort ohne besondere Attraktionen "zufrieden gaben". Herrlich war die Aussicht auf die Felsendörfer und die Fahrt entlang der Falaise. Laut Reiseführer nur mit Geländefahrzeug möglich, so daß wir auf wenig Verkehr hofften. Wir vergaßen dabei allerdings, daß die Reiseveranstalter auch Geländefahrzeuge haben und so fuhr zeitweise eine Gruppe nach der anderen an uns vorbei.
Auch eine Gruppe, die den angepriesenen Fußmarsch von einem Dorf zum anderen machte, um Land und Leute noch intensiver erleben zu können, trafen - und bedauerten - wir. Sie wurden auf Schritt und Tritt verfolgt, wo die Kinder eines Dorfes sich verabschiedeten warteten schon die des nächsten. Da gibt es kein Entrinnen, auch nicht mit Safaridress, Fotoapparat um den Hals und Trekkingstöcken in der Hand. - Na ja, diese hier ohne Trekkingstöcke, dafür aber mit einem jugendlichen Tuareg-Guide, statt einem Dogon. Ich sehe selbst zwar auch nicht viel anders aus, aber es ist schon immer ein lustiges Bild.Timbuktu dagegen ließen wir dann doch links liegen. Nur 200km Wellblechpiste und eine Abzockerfähre über den Niger entfernt entschlossen wir uns, diesen dreitägigen Abstecher sein zu lassen. Zum einen wegen der Wellblechpiste, die nun wahrlich kein Vergnügen ist, und zum anderen weil uns von jedem, der schon mal da war, gesagt wurde: Nix besonderes. Nur eine sandige Stadt am Rande der Wüste, die wie alle anderen auch durch die neuzeitlichen Segnungen wie wirr herumhängenden Stromleitungen und Wassertürme sowie das eine oder andere Betongebäude geziert ist. Und zu guter Letzt weil wir noch eine ganz schön weite Strecke vor uns haben. Die Idee, das Auto und uns von Ghana aus direkt nach Namibia zu verschiffen, um den 'schwierigen' und beonders malariagefährdeten Ländern aus dem Weg zu gehen, ist wieder ad acta gelegt. Nachdem Teresa wieder genesen ist, ist auch die Reiselust wieder voll da und wir freuen uns besonders auf Kamerun und Gabun, die wir sonst nicht hätten sehen können. Allerdings wollen wir dort nicht gerade während der Regenzeit sein und auch für die danach kommenden Länder noch reichlich Zeit haben, so daß wir jetzt erstmal größere Schleifen in der Route vermeiden und etwas zügiger voran kommen wollen.So bogen wir nach rechts ab und verließen Mali nach insgesamt gut 3000 Reisekilometern auf einem einsamen, ziemlich sandigen Weg in Richtung Burkina Faso.