
In der Nähe von Algeceiras sahen wir im Abendlicht die wenigen Lichter Afrikas am Horizont; nun konnte uns nichts mehr halten, wir kauften kurz entschlossen ein one-way-ticket und bestiegen die letzte Fähre des Tages nach Ceuta, nur um den Felsen von Gibraltar schemenhaft im Nachtlicht vorbeiziehen zu sehen und mitten in Ceuta auf einem parkplatz zu übernachten. Überhaupt, übernachtet wird immer im Auto. Wozu sich ein Hotelzimmer suchen wenn man Küche, Badezimmer, Schlaf- und Wohnzimmer schon bei sich hat? In Spanien waren wir abends zum duschen mal in ein Schwimmbad gegangen, aber hier ist es warm genug für eine Feld-Dusche, manchmal allerdings mit einem Schuss vorgewärmten Wasser, es ist auch hier nicht Juli.
Wir füllten nochmal alle Kanister mit Diesel resp. Wasser und stellten uns dem Grenzübergang nach Marokko, der sich aber als problemlos erwies und wir tauchten in eine andere Welt ein. Nichts ist mehr europäisch. Das fängt damit an, daß man praktisch keine Frauen mehr auf der Straße sieht, alle Cafes sind von Männern besetzt, die nichts tun. Ehrenhalber muß man aber auch sagen, dass es auch viele Männer gibt, die schwer arbeiten. Überall wir irgendwas gebaut und man sieht Männer, die Erde schaufeln. Sobald man irgendwo anhält wird man sofort von den Dorfkindern umringt, die Geschenke haben wollen. Leider bestätigt sich die Erfahrung unserer früheren Marokkoreise, daß die Kinder ziemlich zudringlich und agressiv sind. Und auch leider klauen wie die Raben. Es scheint als würden wir noch etwas Lehrgeld zahlen und besser auf unsere Sachen aufpassen.müssen. Eine Fleece-Jacke ist von der Leine weg geklaut, am gleichen Ort haben sich die Kinder bei der Abfahrt ans Auto gehängt und eine Reifenabdeckung zerrissen, woanders fehlten uns plötzlich zwei Ventildeckelchen der Reifen und wiederum woanders war eine Kette weg, an der ein Befestigungsstift festgemacht war. Zum Glück ist der noch da, den brauchen wir viel dringender. Alles was nicht festgeschraubt oder abgeschlossen ist werden wir wohl früher oder später entbehren - und immer jemanden mit der Bewachung beauftragen wenn wir mal weiter weg vom Auto sind. Trost ist dabei nur, daß die Leute echt arm sind und jede Kleinigkeit echt gebrauchen können. Abgesehen davon trifft hier - wahrscheinlich wie überall sonst auch - die Regel zu, daß die Leute umso ehrlich-freundlicher sind, desto weiter man von den touristischen Orten entfernt ist.
Überall aber sind die Menschen unglaublich hilfsbereit und neugierig. Allerdings leben viele, wie in den meisten afrikanischen Ländern, in sehr bescheidenen Verhältnissen, um nicht zu sagen, mit einem Lebensstandard, den man sich hierzulande kaum vorstellen kann. Kein Wasser ist außerhalb der Städte (und in gewissen Teilen der Städte auch) eher die Regel. Dementsprechend gibt es keine Drainage, von Müllabfuhr ganz zu schweigen. Viele kleinere Orte sind elektrifiziert, aber in den kleinen Dörfern gibt es nach wie vor häufig auch keinen Strom. Die Analphabetenrate Marokkos liegt bei 55%, sicher ein Grund für den langsamen Entwicklungsfortschritt des Landes. Aber das wird nur ein Vorgeschmack auf die Verähtnisse in anderen Ländern auf unserer Reise sein. Aber all dies tut der Schönheit des Landes keinen Abbruch, die kargen Berge, die idyllischen Oasen volelr Dattelpalmen, die berühmten aus Lehmziegeln gebauten Kashbahs, alte Familienburgen) und im Süden dem Übergang in die Sahara. Die Marrokaner haben wir immer wieder unterschiedlich empfunden, einerseits ausgesprochen nett, andererseits, vor allem in der Nähe der Touristenhochburgen, als zu nett. Es ist verständlich, daß jeder aus seinen Umständen das beste zu machen versucht, das bedeutet in Touristengegenden, duch diese zu über-leben. Es geht vielfach nicht wie bei uns um den einen oder anderen Euro mehr, sondern darum, das Brot für den nächsten Tag zu verdienen. Das bedeutet, jede Möglichkeit zu nutzen. Vor allem Jugendliche und die jüngeren Männer sind allesamt Führer, die einem die Schönheiten des jeweiligen Ortes zeigen, egal in welcher Sprache, und den geneigten Gast zu einem Cousin zu führen, der zur zweiten Sorte gehört, nämlich dem Händler. Wer kein Führer ist verkauft Souvenirs, Teppiche, Schmuck, Fossilien (manchmal auch echte) oder sonst irgend etwas. Unangenehm ist es wenn man der angebotenen Gastfreundschaft und der Einladung auf einen Tee widerspricht, weil man genau weiß, daß anschließend das unvermeidliche Verkaufsgespräch folgt, und dann als Rassist oder schlimmeres beschimpft wird. Und das x mal am Tag. An anderen Tagen trifft man wieder auf Leute, die sich nur ein wenig unterhalten wollen und muß sich manchmal schon etwas zusammenreißen, um diesen Menschen nicht ausbaden zu lassen, was die anderen zuvor an Meinung gebildet haben.
Kurzum, wegen der Entbehrlichkeit unserer Ausrüstung - und weil es mal etwas nach Regen aussah - haben wir auch das in Spanien verlorengegange Seitenfenster (zu dumm, wir hatten vergessen es zuzumachen und dann ist es durch den Fahrtwind+Levante abgerissen) durch eine Blechabdeckung erstetzt. Zwar waren wir noch auf der Suche nach einem Stück Plexiglas, mal eben in den Baumarkt gehen und eines kaufen geht hier mangels Baumärkten halt nicht, aber so ist es erstmal dicht.
Ich würde jetzt nicht behaupten, daß wir in den nächsten Tagen getrödelt haben, aber wir sind es halt etwas langsamer angegangen. Mal 'mussten' wir warten bis die Wäsche getrocknet war, mal wollten wir noch dies oder jenes besichtigen. So sind wir duch Fez gekommen, eine Stadt, die für ihre Medina (Altstadt) berühmt ist. Bei einem Spaziergang in den kleinen Gassen fühlt man sich geradezu ins Mittelalter zurückversetzt, allerdings nicht romantisch wie bei einem Bummel durch Linz am Rhein, sondern wegen der Gerüche nach Minze, urin, Zwiebeln, Kumin und vielem anderen, des Gedränges in kleinen und ganz kleinen Gassen, Trubels und der Baufälltikeit der Häuser. Der einzige Unterschied zu damals werden wohl die Touristen und der Plastikmüll sein.Dann haben wir noch Dinosaurierspuren im Atlas gesucht (lange suchen mußten wir natürlich nicht, im Reiseführer stand schon drin wo welche zu finden waren, und dann gibt es ja auch noch die allgegenwärtigen Dorfkinder), haben uns in Marrakech den Magen vollgeschlagen, froh, unseren ersten Kontakt afrikanischen Großstadtverkehrs überstanden zu haben, haben das Standard-Touristenprogramm der 'Straße der Kashbahs', der Dades- und der Todra-Schlucht erfüllt und dann neulich abends ernüchtert auf die Karte von ganz Westafrika geschaut: Sooo weit ist es noch bis Mauretanien? Das sind ja noch über 1500km Strecke! Ohne Autobahn, versteht sich.
Das mit der Dades- und der Todra-Schlucht war gleichzeitig der erste Geländetest für's Auto wie auch für unsere Orientierungsfähigkeit. Die beiden Täler sind benachbart und wir wollen das eine hinauffahren, dann ziemlich weit oben eine Piste nehmen, die von dem einen in das andere Tal führt und dann die andere Schlucht wieder runter. So weit so gut, auf der Karte jedenfalls. Aber wie findet man einen Feldweg, der außerhalb eines Ortes beginnt, wobei weder er Feldweg noch die Ortschaften beschildert sind? Dafür haben wir unser GPS-Gerät. Wir fuhren und fuhren und fuhren, nahmen den Abzweig und folgten dem Weg. Aber der Weg wurde immer weniger, und vor allem immer steiler, bis letztlich auf einem Hang mit sehr lockeren Steinplatten keine Spur mehr erkennbar war und das Auto auch nicht weiter wollte. Langsam drohte es dunkel zu werden, also suchten wir nicht mehr viel länger nach Spuren sondern fuhren zurück und prüften dann den Weg auf der Karte. Hätten wir früher mal auf das GPS geschaut hätten wir ein paar Stunden früher gemerkt, daß wir die ganze Zeit auf dem falschen Weg waren. Na ja, das Auto ist gut isoliert und wir schliefen friedlich bei 4°Celsius hoch oben in den Bergen. Immerhin gab uns das aber auch Gelegenheit, unsere Tanks mit frischem Quellwasser aufzufüllen.
Jetzt fanden wir auch recht flott den richtigen Weg, der uns die nächsten 4 Stunden über heftige Steine und furchterregende enge Kurven immer weiter duch eine fantastische Berglandschaft führte, der Weg war zwar nur 32 Kilometer lang, hat aber insgesamt 5 Stunden gedauert. Vereinzelt trafen wir auf Ziegenhirten und einzeln lebende Familien, die in Vorfreude auf ein Mitbringsel immer ans Auto gerannt kamen. Man hörte uns wahrscheinlich schon eine halbe Stunde bevor wir in Sicht kamen. Ich glaube nicht, daß hier öfter als vielleicht einmal in der Woche jemand durchkommt. Versorgungsfahrzeuge höchstens und gelegentlich ein Tourst mit Offroad-Ambitionen. Es ist uns ein Rätsel, wovon die Leute leben, und vor allem woher sie ihr Wasser bekommen. Nach diesem Abstecher führte uns unser Weg südlich des Atlas-Gebirges wieder nach Westen, wo wir dann wieder mehr touristischen Verkehr sahen. Häufig Mietwagen mit Touristen, und die Camel Trophy kam auch ein paar mal vorbei. Schnell fahrende Gruppen von bestens ausgerüsteten Geländewagen mit allem was der Zubehörhandel zu bieten hat auf Wüstentour, gefahren von sonnenbebrillten käppitragenden Männern. Soweit ich es bemerken konnte durfte bei keinem einzigen Wagen die Frau, sofern vorhanden, fahren. Anders als bei uns, ich habe relativ viel Gelegenheit, endlich ein besserer Beifahrer zu werden, kann mit dem GPS-Gerät rumspielen, bin dann aber auch Schuld wenn wir die falsche Straße nehmen, was beim Verlassen von Ortschaften nicht immer ganz einfach ist, oder einfach nur die Landschaft genießen.
Notizen von unterwegs:
071114: Allah ist gross und die Sahara auch. wir fahren jetzt den vierten Tag südlich de Atlasgebirges durch die Wüste und es ist kein Ende in sicht. Noch 700 Kilometer bis zur mauretanischen Grenze und danach geht die Wüste weiter. Anfangs war die Landschaft sehr abwechslungsreich, immer wieder andere Formen entlang der Berge, seit wir entlang des Atlantiks fahren ist die Landschaft etwas eintöniger geworden. jedoch dadurch nicht weniger schön. Auf der einen Seite der endlose Atlantik, auf der anderen die endlose Wüste. Man sollte meinen, diese Strecke wäre langweilig, ist es aber überhaupt nicht. Neben der Schönheit der Landschaft sorgen häufige Polizeikontrollen für Abwechslung, genau wie die gelegentlich wie aus dem nichts auftauchenden Leute, die zig Kilometer entfernt von jeder Siedlung die Straße entlang der auch querfeldein laufen. Die größte Überraschung war allerdings gestern, daß wir am Ortsausgang von Laâyoune einen richtigen Supermarkt gesehen haben. Es war zwar außer uns kein Kunde da, aber es gab von Möbeln über Dosen aller Art alles mögliche - außer den Dingen, die wir suchten.Die letzte Nacht haben wir direkt am Steilufer verbracht, knapp ein Dutzend Sardinen gegrillt und uns dann früh ins Auto verzogen, weil die Luft so feucht war, dass alles naß wurde. Geschenkt weil Teresa zu ein paar Fischern gegangen war, um einen Fisch zu kaufen, die aber noch keinen gefangen hatten und ihr statt dessen eine Tüte voller Köder aufdrängten, eben die frischen, großen Sardinen.071114: Radio hören klappt irgendwie nie richtig. Bisher spielte der einzige Sender, den wir im Autoradio empfangen konnten, nur Popmusik und jetzt in der Westsahara empfangen wir nur spanische Sender, wahrscheinlich von den kanarischen Inseln. Ist auch nicht sclecht, aber eigentlich wollten wir arabische Musik hören. Damit schließen wir das Kapitel Marokko nach immerhin rund 3400 km. Ganz schön schönes und großes Land.
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